Quartett-Leidenschaften
Das Skampa Quartett Prag zu Gast bei den Kammermusikfreunden Karlsruhe:
Konzert im Stephanssaal, 24. Januar 2011
Der leidenschaftliche Zugriff auf die Musik begeisterte
Der im Niederschlesischen geborene Komponist Emanuel Aloys Förster (1748 bis 1823), der mit Mozart und Haydn freundschaftlichen Umgang pflegte, ist heute so gut wie vergessen. Gleichwohl kommt ihm wohl einige musikhistorische Bedeutung zu: Der 22 Jahre jüngere Beethoven suchte, als es ihm unter Haydns Fittichen zu gemütlich wurde, Rat und Unterweisung des Streichquartett-Spezialisten. In einer Kompositionsgattung also, die ihn sein Leben lang begleiten sollte – von den Sechslingen aus seinem Op. 18 des Jahres 1799 bis hin zu seinem Op. 135 im Sommer 1826.
Aus der Mitte dieser unvergleichlichen Gattungsbereicherung gegriffen war das Entree, welches das Skampa Quartett Prag nun für seine Zuhörer im Stephansaal bereit hielt: das 1809 entstandene „Harfenquartett“ Es-Dur op. 74. Diesem Werk Beethovens fügte das sehr homogen und engagiert konzertierende Ensemble (Helena Jiříkovská, Daniela Součková, Violinen; Radim Sedmidubský, Viola; Lukáš Polák, Violoncello) das elfte Streichquartett f-moll op. 122 von Dmitri Schostakowitsch und das Streichquartett G-Dur op. 106 von Antonín Dvořák hinzu.
Was den Zuhörer beim Skampa Quartett Prag sofort einnimmt, ist der leidenschaftliche und zusammengefasste Zugriff auf die Musik, die zur Aufführung gelangt. Das homogene Klangbild ist ein Ergebnis der sich darbietenden Ensembleharmonie, unterstützt von der mehr zentralen Positionierung des Cellisten, dessen kraftvolles Musizieren dadurch einerseits besser eingebunden wird, andererseits das Dialogisieren der Violinen mit der Viola und der Bassgruppe insgesamt verdeutlicht. Dieses war bereits bei dem entschlossen akzentuierten Kopfsatz des „Harfenquartetts“ zu vernehmen, bei den vibrierenden Klangflächen und durchwechselnden namensgebenden Pizzicati. Klarheit und Balance bewies das hervorragend aufeinander eingestimmte Ensemble auch in dem liedhaften Adagio, dem ungestüm bewegten Scherzo und im Klangkolorit der sechs Finalvariationen.
Schostakowitschs Epitaph, einem verstorbenen Musikerfreund gewidmet, mit seinem ganz nach innen gerichteten Gedankenfluss, meisterten die Musiker mit beklemmender Intensität. So recht in ihrem Element waren die Musiker im chronologisch vorletzten Streichquartett ihres Landsmannes Dvořák, einem äußerst fein gearbeiteten, sinfonisch ausgedehnten Alterswerk jenseits aller vordergründigen Folklore-Romantik. Gerade im langsamen Satz, einem feierlich-pathetischen Adagio mit dramatischen Ballungen, wurde deutlich, über welch großes Ausdrucksspektrum das Ensemble gebietet. Die Musiker belohnten den rauschenden Applaus mit einem Zigeuner-Volkslied aus den Karpaten.
Claus-Dieter Hanauer, Badische Neueste Nachrichten, 26. Januar 2011